Demeter - Die Flucht

Schlagworte zum Buch:

Aufrufe 101 | Genre Science Fiction | Sprache Deutsch | Altersempfehlung 14+ | Website zum Buch Link

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( 9783740743369 )

Was f├╝r ein Tag! Aidin Sahu schloss seine Wohnungst├╝r und lehnte sich ersch├Âpft dagegen. Einen Moment lie├č er die Lider seiner Augen sinken und war nur zufrieden, angekommen zu sein. Mittwoch war der schlimmste Tag der Woche.
┬╗Guten Abend, Mr. Sahu, Sie betraten Ihr Apartment um 22:04 Uhr. Dies ist vier Minuten nach der Ausgangssperre. Die Toleranzgrenze wurde damit zum dritten Mal in diesem Monat verletzt┬ź, erinnerte sein Wohnungssystem mit monotoner Stimmlage und leitete diesen Vorfall selbstst├Ąndig an den n├Ąchsten Sammelknoten weiter, wo dieser im Abgleich mit Aidins B├╝rgerdatei automatisch bewertet und entsprechend zugeordnet wurde. Aidin seufzte und warf dem Beobachtungssystem einen ver├Ąchtlichen Blick zu. Es war ja auch Mittwoch! Das w├Âchentliche Meeting mit dem Direktor und den parteilichen Vertretern aus den Bildungssektoren dauerte in der Regel bis zwanzig Uhr ÔÇô meist wurde es jedoch ├╝berzogen, obwohl weder die Infos, noch die Drohungen oder Ansagen neu waren.
Als Lehrer wurde man regelm├Ą├čig angehalten, sich intensiv mit dem seit vorigem Jahr angepassten Lehrplan auseinanderzusetzen und diesen wie gefordert und ohne Abweichungen mit den Sch├╝lern durchzugehen.
Sch├╝ler ..., dachte er, und musste an die stumpfen Gesichter denken, denen er t├Ąglich sagte, wie etwas war, aber nicht erkl├Ąrten durfte, warum. Noch vor zwei Jahren hatte das erheblich anders ausgesehen, auch wenn es zu dieser Zeit bereits schwierig war, Wissen in den K├Âpfe der Heranwachsenden zu pflanzen.

Nach dem Meeting ging es direkt in die Untergrundbahn und von dort nach sieben Stationen zur Buslinie 37 in den letzten, heillos ├╝berladenen Doppelstockbus. Niemand wollte nach der Ausgangssperre von der Volkswacht auf offener Stra├če angetroffen werden, weshalb selbst dann noch Leute hinzu stiegen, wenn es l├Ąngst keinen Platz mehr gab. F├╝r die meisten Arbeiter der dritten Klasse, die sich das Leben in der Londoner Innenstadt wie selbstverst├Ąndlich nicht leisten konnten, war diese Tortur der Abschluss eines jeden Tages. Aidin musste dies nur an den Mittwoch-abenden ├╝ber sich ergehen lassen und stand daher fast schon dem├╝tig inmitten dieses unertr├Ąglichen Gedr├Ąnges. Dabei fragte er sich jedes Mal aufs Neue, wie diese Menschen gewissen Gesetzen der Physik so sehr widersprechen konnten, dass rund einhundert Leute dort Platz fanden, wo er nur f├╝r vierzig ausgelegt war. Ein kleines Ph├Ąnomen, das ihn beinahe mehr am├╝sierte als besch├Ąftigte. Seit ├╝ber 30 Jahren arbeitete er nun schon als Physiklehrer und trug in seinem Kopf Wissen, das kaum jemand im Bus begriff oder begreifen durfte. Scherzhaft hatte er einmal zu einem Kollegen gemeint, dass dies wohl der Grund sei, weshalb sich so viele auf so wenig Raum aufhalten konnten. Sie wussten es einfach nicht besser.
Woher auch? Die Medienunternehmen hatten das Denken ├╝bernommen, was Aidin heute einmal mehr bewusst wurde.
Die Fahrt ├╝ber stand er vor einem der Infoschirme und wurde von den Parteivorgaben f├Ârmlich erschlagen. Wenn auch wirkungslos, denn wie oft die austauschbaren Wortfetzen erkl├Ąrten, dass es allen gut ginge und wie sch├Ân alles sei, wusste er es besser und versuchte, die stummen Bilder des Schirms zu ignorieren. Die Augen zu schlie├čen wagte er allerdings auch nicht, denn vermutlich z├Âge allein schon das die Aufmerksamkeit der Wachsysteme auf ihn.

Zu all dem Stress der letzten Stunden fl├Âtete ihm nun noch das Wohnungssystem zum dritten Mal entgegen, dass er zu sp├Ąt zu Hause angekommen sei.
┬╗Ja! Wie jeden Mittwoch!┬ź, fluchte er und schlug neben der Sprechanlage gegen den Sensor, welcher im Zweifel die T├╝r verriegeln konnte, wenn dieser einen zu hohen Pegel an Alkohol in seinem Atem registrierte.
Das PCP in der Manteltasche sirrte. Seufzend griff er nach seinem Computer und klappte die flexible Kristallscheibe hoch. Auf dem Schirm war das ├ťberschreiten der Toleranzgrenze vermerkt, die Weiterleitung best├Ątigt und die Option beigef├╝gt, sich zu erkl├Ąren. Mit Druck auf die App meldete er, nun zu Haus zu sein, und gab als Grund die ├╝berf├╝llten Bef├Ârderungsmittel an. Wenn dieser verdammte letzte Bus nicht immer so rappelvoll w├Ąre, w├╝rde ich es auch schaffen!, fluchte er in sich hinein. Jeder wusste es, aber niemand unternahm etwas, obwohl es ein Leichtes w├Ąre, einen zweiten Bus einzusetzen. Aber wozu auch? Aidin wartete bereits auf den Tag, an dem die Agenten in Schwarz an den Haltestellen standen, um jeden zu pr├╝fen, der dem Bus entstieg.
Seinen Mantel warf er ├╝ber den Haken im Flur und ging direkt in die K├╝che, wo er dem K├╝hlschrank eine Flasche Scotch entnahm. Mit der anderen Hand griff er das Glas, welches er jeden Abend benutzte, und g├Ânnte sich einen gro├čz├╝gigen Schluck.
Die Krawatte l├Âsend, verlie├č er den Kochbereich und trat auf die Schiebet├╝r zu, die in das ger├Ąumige Wohnzimmer und das anliegende Schlafzimmer f├╝hrte. Direkt dahinter hatte die Konzeption der Wohnung ein Kinderzimmer vorgesehen, welches nun schon seit Jahren als Rumpelkammer diente.

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